Three Pairs Of Underwear

Bethleem – vom Traum zur Schule

Veröffentlicht von am in Blog_TPOU-Africa
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Puenktlich, kurz nach 10 Uhr, stand Noel Dassou in traditioneller Kleidung vor dem Tor des ded Gaestehauses. Er wirkt sympatisch und freundlich. Der Schulleiter des Schulkomplexes Bethleem begruesste uns freundlich und lud uns gleich zu einer Fuehrung durch sein Projekt ein. Da heute Sonntag ist, kann er sich die Zeit nehmen, in der Woche unterrichtet er auch selbst an seiner Schule. Vor dem Gaestehaus parkte sein Auto, ein betagter, weinroter Audi – „Nichts besonderes,“ sagt er mit einem Laecheln, „aber hauptsache es faehrt...“
Er lenkt den Wagen durch Cotonous Stadtverkehr, immer ein Auge aufmerksam auf die anderen quirligen Verkehrsteilnehmer, die kein bisschen weniger chaotisch durch die Gegend duesen als bei unserer Ankunft gestern. Waerenddessen erzaehlt er uns mitreissend, wie das Projekt Betlheem begonnen hatte.


Noel Dassou – ein Mann der Tat

Vor 12 Jahren bewirtschaftete er ein Feld im damals noch laendlichen Doerfchen Tokan. Es brauchte nicht lange, da stellte er fest, dass es in der naeheren Umgebung des Dorfes keine Schule gab und die Kinder einen Schulweg von 5km und mehr in Kauf nehmen mussten. Um diesen Zustand zu verbessern, kam dem jungen, motivierten Lehrer die Idee, direkt im Ort und zugaeglich fuer alle Schueler der Region selbst ein Schule zu errichten. Viel Eigeninitiative war noetig um das Projekt zu starten. Sein urspruenglich fuer ein Auto gespartes Geld investierte er in Zement und Wellblechdach. Daraus sollten die ersten 2 Klassenraeume entstehen, den Sandboden wollte er spaeter einmal befestigen. Ein befreundeter Schreiner fertigte die ersten Schulbaenke und Tische auf Kredit, doch es konnte losgehen. Die ersten Schueler bezogen 1999 ihr Klassenzimmer fuer den ersten Unterricht.

Heute, 11 Jahre spaeter, kann Noel Dassou stolz sein auf das Erreichte. Auch mit Unterstuetzung von den Buergerkomitees Steinhagen und Woerden, dem Gymnasium Steinhagen, dem Verein ALODO und einigen privaten Spendern ist hier eine moderne Schule entstanden. Heute gibt es 6 Primarschulklassenzimmer fuer knapp 300 Schueler und fast ebenso viele fuer die erste Sekundarstufe, einen Kindergarten und auch Unterbringungsmoeglichkeit fuer bis zu 12 Waisen und Halbweisenkinder, die hier auch betreut und verpflegt werden. Der kleine Campus verfuegt im Weiteren ueber eine Cafeteria, einen Sportplatz - wo gerade Noels neuester kleiner Stolz entsteht, ein 5 Meter hohes Klettergeraet, und gemuetliche, schattenspendende Baeume auf dem Schulhof, unter denen sich die Schueler auf Baenken ausruhen koennen.



Der Betrieb dieser Privatschule finanziert sich aus dem Schulgeld der Schueler. Zwischen 50 und 100 Euro sind die jaerlichen zu entrichtenden Schulgebuehren je Schueler zuzueglich Lehmaterial und Schuluniform. In einigen, besonderen Faellen uebernimmt die Schule auch komplett die anfallenden Kosten um einem Schueler den Besuch der Schule zu ermoeglichen.
Das heutige Angebot umfasst ausserdem kostenlose Berufsausbildungsmoeglichkeiten in den Bereichen Schneider, Frisoer und Fototechnik.

Waerend des Tages mit Noel Dassou lernen wir ihn als ueberzeugenden, enthusiastischen und hochmotivierten Mitmenschen kennen, er spricht fliessend deutsch und franzoesisch. Als Vater von 6 Kindern ist er zwischenzeitlich sogar schon Grossvater einer Enkeltocher. Sein aeltester Sohn bildet sich gerade in einer zweiten Ausbildung im E-Business weiter und seine aelteste Tochter macht eine Ausbildung zur Buchhalterin. Seine Frau betreibt neben ihrem Wohnhaus einen kleinen Tante Emma Laden um etwas dazuzuverdienen aber auch fuer die Kinder da zu sein. Im Fernsehen laufen franzoesische Nachrichten aus der Welt. Als Student mit Bestnoten wurde es ihm damals ermoeglicht Deutschland zu besuchen. Er weiss erstaunlich viel ueber Politik, das deutsche Schulsystem und das Leben bei uns, inzwischen besuchte er Deutschland bereits sieben mal. Ein Angebot ganz nach Deuschland zu ziehen schlug er damals aus: „Seine Heimat ist in Benin und hier kann er was bewegen“, sagt er nicht ohne Stolz

Uns erscheint es, als wenn die ihm in die Hand gegebenen Spendengelder gut angelegt wurden. Die Gehaelter der Lehrer werden durch die Einnahmen gedeckt - doch noch immer ist er voller Visionen wie man dieses Projekt weiter in Richtung Zukunft verbessern kann.
Zu erst einmal waere es wichtig das erweiterte Gelaende um den Sportplatz durch eine Mauer zu schuetzen. „Wenn man hier nicht alles verschliesst, werden durch Eindringlinge sogar die Wasserhaene und Gluehlampen geklaut“, erklaert er uns.
Eine Bibliothek, in der die Schueler Nachforschungen anstellen und Buecher zum Lesen ausleihen koennen, dass waere auch dringend. Doch auch vor diesem Teil Afrikas macht der Fortschritt nicht halt, ein Internetcafe wuerde es ermoeglichen, dass die Schueler zu aktuellen Themen recherchieren koennen, einen ersten Kontakt mit dem Werkzeug der Zukunft erlernen, wie auch den Kontakt zu ihren Brieffreunden in Steinhagen vertiefen. Das heute naechstgelegene Internetcafe liegt 5 km entfernt, wenn das Schulinternetcafe der Oeffentlichkeit zugaenglich gemacht wuerde, koennte es sogar eine kleine zuesaetzliche Einnahmequelle fuer die Schule sein.
Ganz im innersten seines Herzens wuenscht sich Noel jedoch auch eine Ausweitung auf eine Sekundarstufe 2. Der Grundstock ist oberhalb der Sekundarstufe 1 mit einem soliden Betondach im warsten Sinne de Wortes schon gelegt.
Im lockeren Gespraech kamen wir auf weitere interessante Ideenansaetze zu sprechen, die in Zukunft vielleicht noch angegangen werden.

Wichtig zu verstehen ist, dass ein Projekt in Afrika auch auf afrikanische Art umgesetzt werden sollte. Das haben wir nun in knapp 10 Monaten auf dem Kontinent auch gelernt. Eins und eins ergibt hier irgendwie auch zwei, doch der rationelle Weg dahin ist manchmal anders als bei uns. Der Satz „keine Buchung ohne Beleg“, kann hier schonmal bedeuten, dass eine Sache 10 mal teurer wird (weil man es auf dem lokalen Markt ohne Quittung viel guenstiger erwerben kann). Man muss die Unterschiede sehen und sich ihrer bewusst werden, damit man hier was bewegen kann - und das hat Noel Dassou unserer Ansicht nach verstanden.

Auf dem Weg zurueck in die Stadt machten wir einen kleinen Abstecher in das nicht weit entfernte kleine Krankenhaus, wo vor ein paar Wochen ein knallroter Krankenwagen vom Ratsgymnasium Bielefeld nach Benin gefahren wurde. Dirk und Marko, die beiden Fahrer des Gefaehrts, haben wir knapp verpasst, denn sie haben von hier die Rueckreise auf zwei Motorraedern angetreten. Hey ihr zwei, wir sind zwar schon laenger unterwegs aber Landstreicher sind wir noch lange nicht (mehr Informationen unter www.projekt-benin.de) Sehen wir uns nicht in dieser Welt, vielleicht treffen wir uns ja in Bielefeld – auf ein Bier?


Was muss ich sehen? Mein ehemaliger Arbeitgeber findet mich sogar in Benin...

Einen Tag spaeter statteten wir vor unserer Weiterfahrt der nun belebten Schule nochmals einen Besuch ab. Wow, das hat uns beeindruckt. Noel nahm uns kurzerhand mit ins erste Klassenzimmer, schon vor dem Betreten des Schulzimmers spuerten wir die Disziplin, der Lehrer referierte und die Schueler lauschten gespannt. Als die 57 Kinder in dem Raum ihren Schulleiter erblickten erhoben sie sich unverzueglich, stellten sich neben ihren Tisch und begruessten ihn. Wir wurden vorgestellt und euphorisch in Empfang genommen. Der Lehrer aus dem Klassenzimmer und all die Kinder begleiteten uns ins naechste Klassenzimmer – das selbe Spektakel erneut doch nun mit der doppelten Anzahl der Schueler, so ging es durch alle 6 Klassen der Grundschule weiter.
Geschickt inszeniert? Wir wissen es nicht, doch die Kinder hatten dabei ihre wahre Freude, das sah man an dem Strahlen in ihren Augen. Draussen auf dem Schulhof versuchte jeder moeglichst in unsere Naehe zu kommen und uns zu beruehren. Ein wenig mulmig war uns schon und das Spektakel um unsere Person auch nicht ganz recht. Gut fuer uns, dass gerade die ersten Minuten der Mittagspause begannen und sich die Schueler auf den Heimweg begaben, so haben wir den Unterricht durch unser Auftauchen auch nicht zu fest gestoert.

Als Noel uns vorschlug in der Mittagspause Kekse an die Kindergartenkinder auszuteilen, lehnten wir ab, denn wir haben die Befuehrchtung, dass dadurch falsche Erwartungen an die fremden Besucher entstehen koennten. Mag sein, dass wir hier ein wenig uebervorsichtig sind durch unsere Erfahrungen auf der Ostseite Afrikas, doch fuer uns fuehlte sich diese Entscheidung im Moment richtig an.
Ein klein wenig Sorge bereitet uns dagegen ein Foto von der Weihnachtsgeschenkeverteilung aus dem letzen Jahr. Nicht wegen der Sache an sich, das finden wir super! - doch der Weihnachtsmann trug mangels Alternativen rote sicherheits Gummihandschuhe und ein Grinch-Maske vor dem Gesicht. Noel versicherte uns zwar, dass die Kinder keine Angst mehr vor der Gestalt haben, doch hat nicht jemand zufaellig eine Weihnachtsmannmaske mit weissem Rauschebart und Handschuhen zu Hause auf dem Dachboden rumliegen? – Hier wuerde man sich ehrlich drueber freuen...

Da muss man doch Angst bekommen oder?


In unseren Augen ist die Schule Betlheem ein funktionierender Beweis dafuer, dass der Traum einer Person vor Ort verwirklicht werden kann. Heute schliesst der einst abgeschiedene Ort Tokan bereits an die Vorstaedte von Cotonou an. Die zusaetzliche Hilfe aus Europa ist gut investiert in die Zukunft der jungen Menschen aus der Region. Wir hoffen, dass Noel seine Visonen weiter umsetzen kann.
Wer unterstuetzen moechte findet weitere Informationen und Ansprechpartner im Internet unter
www.buergerkomitee-steinhagen.de

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Gast Sonntag, 20 Oktober 2019
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