Three Pairs Of Underwear

Hochzeit auf Jemenitisch

Veröffentlicht von am in Blog_TPOU-Africa
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Es ist der 29.07.2009, unser zweiter Tag in Sana'a. Alice hatte mir bei unserer Ankunft schon angekuendigt, dass wir gemeinsam zu einer Hochzeit gehen koennten. In Jemen finden solche Feierlichkeiten ueber mehrere Tage und streng geschlechtergetrennt statt. Also durfte Tom leider nicht mitkommen. Heute sollte es also soweit sein. Ich bekam mangels passender Kleidung einen gruenen langen Rock von Alice geliehen, dazu mein schwarzes T-shirt - sah gar nicht so schlecht aus - bis auf die Teva Sandalen dazu aber der Rock war ja recht
lang...
Man koennte es fast glauben - aber, nein wir sind nicht das Hochzeitspaar

Gegen 19 Uhr verabschiedeten wir uns von Tom, der sich die Zeit mit dem Computer und Blogschreiben vertreiben wollte.
Wir bestiegen ein Taxi und fuhren kreuz und quer durch die Stadt, um noch eine jemenitische Freundin von Alice einzusammeln - sie war komplett in die typische schwarze Tracht der Frauen hier gekleidet, verschleiert bis auf die Augenschlitze. Sie sprach sehr gut Englisch, so dass wir uns den Rest der Fahrt gut unterhalten haben.
In einer engen Strasse hielten wir vor einer hohen Mauer mit einem undurchsichtigen, eisernen Tor. Vor uns passierten gerade weitere Frauen in kompletter Verschleierung das Tor. Auch wir wurden eingelassen und betraten den Vorhof. Es erhob sich ein grossen Haus vor uns, rechst davon war eine art Gang mit Vorhaengen verdeckt. Wir gingen dort hindurch, mir bot sich ein imposantes Schauspiel:
Der weiss gekachelte Gang fuehrte zu einem Saal auf der Linken, rechts befand sich ein langer Spiegel an der Wand. Hier sammelten sich alle Ankommenden, sie rissen sich foermlich die schwarzen Kleider vom Leib. Zum Vorschein kamen die buntesten, teils gewagtesten Kleider und wunderschoene, dunkele, lange Haare. Nach pruefenden Blicken in den Spiegel wurde noch schnell der lezten Schmuck angelegt und auf ging es zur Feier.
Auch wir legten unsere Uebergarderobe ab und betraten den grossen Saal.
Ueberall waren bodentiefe blaue Sofas in langen Reihen aufgestellt - Lange sofaaehnliche Kissen, wie in arabischen Laendern oder Shishabars ueblich - zu unserer Rechten war ein ca 20m langer Laufsteg aufgebaut, ausgelegt mit weissem Schleier, seitlich von bordoroten Choffontuechern gesaumt. Gradeaus konnten wir ein Podest erkennen auf dem 2 Tronaehnliche Stuehle standen.
Es waren bestimmt an die 100 Frauen (!) anwesend, alle in bunten Kleidern. Einige sassen auf den Sofas andere standen vor dem Podest, feierten und blickten in Richtung Laufsteg. Nun entdeckte auch ich die Braut, sie war in ein wunderschoenes, ueppiges, champagnerfarbenes Brautkleid gekleidet und schritt langsam auf dem Laufsteg voran. Vor ihr ging eine Frau die Fotos von ihr machte - sonst galt fuer die Ganze Feier striktes Fotgrafier, Fotohandy und Kameraverbot. Es kann bis zu einer Stunde dauern, bis die Braut das Ende des Laufsteg erreicht hat, weil sie so langsam geht. Nach und nach fingen die Frauen die neben dem Laufsteg auf den Sofas sassen an, sich in ihre Schwarzen Schleier zu verhuellen. Mir wurde erklaert, dass sie das tun weil sie sonst auf den Fotos zu sehen waeren. Da der Ehemann ja spaeter die Bilder zu sehen bekommt, duerfen darauf eben keine unverschleierten Frauen zu sehen sein.
Die Braut wurde von uns gefeiert, erreichte das Podest und nahm Platz auf einem der Stuehle. Eine Zweite sass dort bereits auf dem anderen Stuhl. Ich erfuhr, dass es die Schwester war und eine Doppelhochzeit gefeiert wurde.
Wir suchten uns einen gemuetlichen Platz auf einem Sofa, unterhielten uns und ich bestaunte das bunte Treiben der Maedels. Sie tanzten - der Hueftschwung war beeindruckend - und ich war fast ein bisschen neidisch auf die langen, dunklen Haare.
Da wir uns ja nun schon laengere Zeit in arabischen Laendern aufhalte und ich, seit wir im Jemen sind, in den laenlichen Gegenden sogar einen Schleier trage, war ich anfaenglich fast ein bisschen geschockt so viel Haut und offene Haare zu sehen. Auf den Strassen sind keine Frauen ohne Schleier zu sehen, es sei denn, es handelt sich um eine der wenigen Touristinnen.
Ein kleines Maedchen, vieleicht 9 Jahre alt, tauchte immer wieder auf und sah mich aus ihren grossen Augen an, sie trug einen leuchten orangen Rock und ein hellblaues T-shirt. Irgendwann fasste sie sich ein Herz, sezte sich neben mich und fragte:"Whats your Name?" Ueberrascht, dass sie Englisch sprach, antwortete ich. Leider sprach sie nur ein paar Worte aber die Maedels um mich herum konnten gluecklicherweise uebersetzen. Ausserdem gesellte sich eine jemenitsche Freundin von Alice mit 2 Maedels aus Frankreich zu unserer Gruppe.
Eine aeltere Frau ging mit einem Pappkarton herum und verteilte an jeden kleine, durchsichtige Plastikboxen mit suessen und herzhaften Snacks. Eine Zweite ging mit einem Korb Getraenkeflaschen hinterher. Nach einer Weile wurden wir Hochzeitsanfaenger in den jemenitischen Tanzstil eingeweiht. Auch das kleine Maedchen tauchte wieder auf und forderte mich auf mit ihr zu tanzen, auch sie zeigte mir ein paar Schritte. Sie strahlte eine unglaubeliche Herzlichkeit aus und wirkte sehr aufgweckt, ich hatte sie sofort in mein Herz geschlossen. Aber auch alle Anderen mit denen ich in kurze Gespraeche verwickelt war, waren sehr nett und aufgeschlossen.
Zwischendruch standen die 2 Braeute ein oder zwei mal auf und durften fuer ein Lied tanzen, wurden von allen umringt und gefeiert, dann setzten sie sich wieder. Ich denke aus Sicht der Braut ist eine Hochzeitsfeier wie wir sie kennen bestimmt interessanter - allerdings weiss ich nicht wie die restlichen Tage der Hochzeitsfeier ablaufen. Die anwesenden Gaeste hatten jedenfalls jede Menge Spass, es ist ja auch eine der wenigen, wenn nicht einzigen Gelegenheiten fuer die Frauen hier so ausgelassen zu feiern.
Gegen 22 Uhr leerte sich der Saal langsam und die Feier war dem Ende nah. Das kleine Maedchen tauchte nochmals auf um sich zu verabschieden. Sie warf sich mir um den Hals, drueckte mich ganz herzlich und liess mir ueber Alice - die ja arabisch spricht - ausrichten, dass ich zu ihrer Hochzeit auch eingeladen wuerde.
Schade, dass schon wieder alles vorbei war. Wir verliessen den Saal, vor der Tuer ein aehnliches Bild wie zu Beginn. Vor dem Spiegel eine Traube Gaeste die sich wieder in ihre schwarze Kleidung huellte. Dann ging es den Gang entlang zurueck nach draussen, wo schon Taxis fuer uns bereit standen.
Vielen Dank Alice, fuer den schoenen Abend und vorallem, dass ich dabei sein durfte!
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