Three Pairs Of Underwear

Arabistan reist nach Bulgaristan

Veröffentlicht von am in Blog_TPOU-BackFromRoots
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Um den Titel dieses Blogs zu verstehen, muss ich kurz ausholen und über eine Begegnung in der Türkei erzählen. Wir hatten uns gerade für eine Pause in den Schatten der Bäume einer unwegsamen Allee in der Nähe eines Ackers zurückgezogen. Da knatterte ein Roller mit zwei Mann Besatzung auf uns zu. Je näher sie kamen, umso größer wurden ihre Augen, beim Anblick unserer Enfields. Da der Weg recht eng war und sie an uns vorbei zirkeln mussten, nutzten sie die Gelegenheit um neben uns anzuhalten. Ein bisschen Englisch sprachen sie auch und fingen an die üblichen Fragen zu stellen, wie viel Leistung haben die Maschinen, wo kommen die her, was kosten die und eben auch die Frage, wo wir her kommen. Als wir die Frage mit Oman beantworteten, wussten sie zunächst nicht von was wir sprechen, als wir dann Dubai und die Emirate erwähnten, leuchten ihre Augen auf und wie aus einem Mund kam ein zufriedenes: “Ach, aus ARABISTAN!“ Wir nickten etwas verdutzt, sie bedankten sich freudig für das Gespräch, wünschten uns alles Gute für die Weiterreise und verabschiedeten sich. Naja und irgendwo haben wir auch schon mal den Ausdruck „Stanländer“ gehört – wo dieser Bereich aufhört ist ja Nebensache. ;-)

 


Hier jedenfalls noch nicht ;-)

Den Unterschied zwischen einer 1200er GS und zwei Enfields erkennt man am besten, wenn man mal ein Stück zusammen gefahren ist. Mit 200km ist unser Tagesziel normalerweise bald erreicht, doch ein Pärchen auf einer GS macht dann die erste Pause... und das auch nur, weil im Rückspiegel zu erkennen ist, dass bei uns so langsam der Allerwerteste schmerzt. Ja, mit einer Royal Enfield reist man anders – man genießt.


Größe tut nichts zur Sache – oder?

Die gemeinsame Ausreise aus Istanbul endete bereits nach dieser ersten Pause. Wir fahren weiter zur Grenze nach Dereköy gen Norden während Karanchan und Nick mit ihrer GS die Grenze von Griechenland weiter Südwestlich ansteuern.

Spät am Nachmittag erreichen wir den Grenzposten. Die Ausreise aus der Türkei gestaltet sich einfach, einzig das Carnet de Passage sorgt bei der Beamtin und ihren Kollegin für einige Lacher, weil mein Bild mit dem Kopftuch aus dem Iran dort eingeheftet ist. Scheinbar kann niemand so richtig glauben, dass das wirklich ich bin. Zum Bulgarischen Grenzposten führt die Straße durch einen Wald der, je näher wir ihr rücken, immer dunkler und dichter wird. Dann taucht eine Art weißer Wellblechcontainer vor uns auf. Ein wenig erinnern die Gebäude an alte Sowjetunionszeiten. Grün gekleidete Grenzbeamte mit düsterem Gesicht warten auf all jene, die diese Grenze überqueren möchten. Doch während die Zwei außerhalb des Containers noch gewissenhaft das Auto vor uns kontrollieren weicht der harte Schein in ihren Gesichtern einem freundlichen Lächeln, je näher wir kommen. Der Herr im Container kontrolliert unsere Pässe und ist hoch erfreut, dass er sich auf französisch mit Tom unterhalten kann. Die anderen Beiden grinsen wie kleine Kinder vor Freude über unsere Motorräder umkreisen sie in ehrfürchtigem Abstand und winken uns dann freundlich weiter.
Noch schnell in einer wohnwagenähnlichen Wechselstube ein bisschen Geld gewechselt und schon kann es weiter gehen, vorbei an ausgedienten rostigen Hallen mit Wellblechdach.

Recht einsam kommt es uns vor. Eine einzige Straße – mit sehr vielen Schlaglöchern und um uns herum nur Wald. Endlich wieder Wald richtig grüner Blätterwald. Der erste Ort der nach einer ganzen Weile auftaucht wirkt, wie von der Zeit vergessen. Es finden sich hier zwei Extreme. Das Eine sind in die Jahre gekommene Dörfer, die Bewohner sind mehrheitlich älter, die Frauen tragen meist Kittelschürze, die älteren Herrn Hosenträger und die Sonntags-Golf-Mütze. Das andere Extrem sind Betonsünden der sechziger Jahre, Plattenbau pur, ohne jegliche Farbtupfer – selbst beim Erledigen der Wäsche scheint man sich farblich abgesprochen zu haben, wie man den Wäscheleinen auf den kleinen Balkonen entnehmen kann. Wie sagte Tom so treffend? Ein bisschen so, wie man sich Tschernobyl vorstellt.

Zu unserer Freude kann man das Benzin hier wieder bezahlen, umgerechnet nur noch 1,30 Euro. Ja und dann sind wir mehrfach versucht, beschämt unsere Blicke zu senken bei so viel exponierter Haut die es hier zu sehen gibt. Die Mädels kombinieren vorzugsweise weite und weit ausgeschnittene T-Shirts oder tief ausgeschnittene enge Tops (gerne auch bauchfrei) mit ultraknappen, ultrakurzen Jeanshosen. Es sei jedoch angemerkt, dass nicht jede auch wirklich die Figur dazu hätte.

Hier eine abgeschwächte Variante in schlechter (Bild-)Qualität...

Wie jedes Mal in einem neuen Land, müssen wir uns zunächst in Land und Leute hineinfühlen. Wie sind sie hier so drauf? Werden wir beim ersten Wildcamp gleich ausgeraubt, gibt es hier überhaupt ruhige geeignete Flecken? In solchen Situationen freut man sich besonders, anderen Menschen auf Reisen zu begegnen. Sei es um gemeinsam stärker zu sein und die ersten Erfahrungen zusammen zu machen - wenn man in die gleiche Richtung reist - oder um von Tipps der Landeserfahrenen zu profitieren - wenn man sich kreuzt.

In unserem Fall treffen wir hier im Nirgendwo auf David, einem 21 jährigen Radfahrer, wieder einer der Sorte, der die Extreme sucht, Vegetarier - eigentlich Veganer, aber das wurde auf ihm Dauer zu anstrengend - seit einigen Monaten unterwegs und erst die zweite Plastikflasche gekauft - wegen der Umwelt, lieber nachfüllen - und Geld für Hotels, nein das hat er nicht und zurück nach Deutschland will er schon mal gar nicht.

Perfekter Camp Partner also – außer die Sache mit dem Fleisch. Wir schließen uns kurzum trotzdem für diese Nacht zusammen. Etwas abseits der Straße führt ein unbefestigter Weg in den Wald. Schnell ist ein Platz für unsere Zelte zwischen den Bäumen gefunden und bald ein köstliches (vegetarisches) Mahl auf unserem Kocher zubereitet. Es ist stockfinster, dennoch schalten wir die Stirnlampe nur ein, wenn jemand sich bewegen muss, um nicht über die Äste am Boden zu stolpern. Ansonsten sitzen wir gemütlich auf dem Waldboden, genießen die Stille, das Abendessen und unterhalten uns über Gott und die Welt. Ein Geräusch lässt und schlagartig verstummen. „Licht aus!“ Ruft einer von uns noch. Dann blitzen Scheinwerfer durch den Wald. Ein Motor. Die Scheinwerfer bewegen sich tatsächlich in unsere Richtung. Mein Herz schlägt schneller. Ich bin froh, dass wir zu dritt sind. Kurz habe ich die Hoffnung dass man uns nicht entdeckt, doch der große Geländewagen bleibt genau neben unseren Motorrädern stehen. Angriff ist die beste Verteidigung, also steuern wir auf das Fahrzeug zu. Drei Polizisten steigen aus, grüßen kurz aber mit ernster Mine und verlangen unsere Pässe. Dann fragen sie, was wir hier machen. Mit unserer Antwort scheinen sie aber zufrieden, denn genau so kurz wie die Begrüßung war, wünschen sie uns nun eine angenehme Nacht und machen sich wieder davon.

Wir bleiben etwas verunsichert zurück. Warum fahren diese Beamten hier mitten in der Nacht durch den Wald? Ist das ein beliebter Camp-Spot? Wird hier, nahe der Grenze, routinemäßig kontrolliert oder suchen sie gar nach jemandem, einem Verbrecher? Den letzten Gedanken verdränge ich schnell wieder aus meinem Kopf und versuche schnell einzuschlafen. Die restliche Nacht bleibt dann auch ruhig.

Erst am nächsten Tag wird uns so richtig bewusst, dass alle Verkehrsschilder in Kyrillischer Schrift angeschrieben sind. Glücklicherweise kehrt in Toms Gedächtnis einiges von seinen Reisen nach Russland zurück und strategisch wichtigen Punkten setzt man netterweise auch oft die Übersetzung in unsere Schrift darunter.

Viel ändert sich an unserem ersten Eindruck auch am zweiten Tag nicht. Bis, ja bis wir das schwarze Meer erreichen. Kommerz und Massentourismus, soweit das Auge reicht. Ich möchte an dieser Stelle nicht böse klingen, aber die von uns durchquerten Badeorte strotzten nur so vor Primitivtourismus – gibt’s das Wort überhaupt? Stolz präsentierten sich sonnenverbrannte Bierbäuche, dessen Träger in knappsten Badehöschen posierten. Restaurants haben den Charme einer schlechten Firmenkantine. Hier wird das Essen hinter Glasvitrinen präsentiert und das ausgewählte Essen dann mit mürrischer Mine schnell in der Mikrowelle erwärmt. Die Strände sind gesäumt von günstigen Bettenburgen im altosteuropäischen Stil und dazwischen immer wieder leerstehende Hotels zum Verkauf oder stillstehende Bauruinen. Ach ja und dann ist da ja noch das Phänomen des Kopfschüttelns – wenn der gemeine Bulgare „Ja“ meint, schüttelt er den Kopf und wenn er „Nein“ meint nickt er kaum merklich uns schmettert ein grimmiges „NÄÄ!“ hinterher.

Ich glaube es wird deutlich, dass uns Bulgarien nicht so wirklich überzeugen kann. In großer Hoffnung auf Rumänien, versuchen wir möglichst schnell eine Grenze zu erreichen, immer darauf bedacht, den Schlaglöchern auszuweichen, fliegen riesige Mais- und Sonnenblumenfelder vorbei.

Auf der Karte sieht es so aus als gäbe es in Tutrakan einen Grenzübergang mit einer Fähre, dies klingt doch viel spannender, als einfach mit einer Brücke die Donau zu queren. Gesagt getan, doch in Tutrakan angekommen gibt es weder einen Grenzübergang, noch einer Fähre, noch ein Hotelzimmer, geschweige denn einen Campingplatz. Weitere 50 Kilometer später finden wir eine Unterkunft kurz vor der Grenze in Ruse. Hier gibt es zwar außerirdisch große Mücken, aber neben einigen abenteuerlichen Gerichten (Gehirn) auf der Speisekarte auch Schweinesteak!

Das gibt einen glücklichen Tom

Das Moskitonetz in unserem Zimmer hinderte zunächst die Monstermücken zuverlässig daran, das Zimmer zu verlassen, aber dank Antibrumm können wir dann doch recht bald friedlich schlafen.

Morgen geht’s nach Rumänien doch über eine Brücke– wir freuen uns trotzdem!

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Gast Montag, 21 Januar 2019
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