Three Pairs Of Underwear

Stadt, Land, „Badi“ und der Tourismus

Veröffentlicht von am in Blog_TPOU-BackFromRoots
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Wie zurück in eine andere Welt geschubst kommen wir uns vor, als wir die Lenker von der Mountain Lodge talwärts richten als wären wir noch nicht bereit für das Leben „da draußen“. Zwar cruisen wir in unzähligen Kurven durch nicht enden wollende Pinienwälder und immer wieder stockt uns bei der Aussicht der Atem. Dennoch, langsam aber stetig verlassen wir das etwas gemütlichere Landleben, wo es nach frischem Gras duftet, die Arbeit von Hand oder mit Hilfe von Maschinen verrichtet wird, die bereits etwas in die Jahre gekommenen sind, wo noch mit Eselskarren transportiert wird, die Fortbewegungsmittel mehr Lärm als Leistung produzieren und die Menschen noch Zeit haben für einen Schwatz zwischendurch.

Am späten Nachmittag ist es schlagartig vorbei mit Ruhe und Natur. Wir steuern bei einsetzender Müdigkeit, geradewegs ins Herz von Pammukkale. Eben haben wir uns noch über den gletscherähnlichen, weißen Berg gewundert, da trifft uns der Ort sehr unvorbereitet mit voller touristischer Härte. Wir sind in einer Art verkehrsberuhigten Zone, mitten drin steht ein Mann wild mit den Armen fuchtelnd. Tom, der vor mir fährt, stoppt um zu erfahren was denn los ist. „Hotel, Camping?“ strahlt ihn der Mann an – wir fühlen uns etwas veralbert und fahren weiter. Im Rückspiegel sehe ich einen Rollerfahrer, der sehr dicht auffährt. „Überhole doch“ denke ich. Als wir kurz später am Straßenrand halten um uns zu beraten, bleibt aber auch der Roller stehen. „Wie weiter, bleiben wir da, oder fahren wir noch ein Stück?“ startet Tom. Ein zweiter Roller von links kommt hinzu. „Ich finde es reicht für heute, aber ich fühle mich hier nicht wohl. So viele Leute.“ entgegne ich. Rechts stehen zwei Jungs an einer Art Verkaufsstand, der uns vorher nicht aufgefallen war. Die zwei Rollerfahrer und die beiden Jungs stürzen zeitgleich auf uns ein – „Hotel, Camping?!“ Einer der Jungs fingert neugierig an einem Zündschlüssel der Enfield herum. Müde vom Tag und völlig überfordert von so viel Penetranz und Hektik wollen wir nur noch weg von all den Menschen die uns auffordernd anblicken und irgendeine Entscheidung erwarten, bei wem wir denn nun eine Unterkunft buchen.

Also Motor starten und los. Die Zone endet, die Straße wird wieder breiter und die Menschen weniger – puh durchatmen. An der nächsten Ausbuchtung halten wir, um nochmals zu beraten. „Was war denn das gerade?“

Ich traue meinen Augen nicht, als aus weiter Ferne ein Roller heran knattert und wenig später gleich neben mir zum stehen kommt. „Hotel, Camping?“ Er beginnt nochmal von vorn auf Englisch: „Wie geht’s? Hotel, Camping?“ Wir antworten auf Deutsch fügen ein englisches NEIN! hinzu. Dann ignorieren wir ihn und versuchen unsere Unterhaltung fortzusetzen. Er startet erneut: “Hotel, Camping?“ Tom wendet sich nach einigen weiteren Versuchen des jungen Mannes unsere Unterhaltung zu stören, an ihn und erklärt im auf schönstem Englisch, dass wir seine Hilfe nicht benötigen und wir inzwischen aus Prinzip schon nicht bei ihm buchen würden. Der Typ grummelt etwas vor sich hin beschwert sich, scheint sich in etwas hinein zu steigern, ruft dann: „I f... you!“ und braust endlich davon.

„Was ist das hier für ein Ort? Warum sind die so?“ Uns stehen die Fragenzeichen ins Gesicht. Wir sind aber zu müde um noch weiter zu fahren. Also schleichen wir uns von hinten durch kleine Seitengassen wieder an den Ort heran. Es muss doch eine normale Unterkunft ohne „Marktschreier“ geben. Etwas später werden wir tatsächlich fündig – freundlich begrüßt uns ein etwas älterer Herr - ist ganz entspannt und vermietet uns schließlich sein pinkestes Zimmer ;-)

Auf einer Schnellstraße passiert schließlich das fast unmögliche. Ich gerate in das Auge des Gesetzes – bei einer Radarkontrolle! Merke es aber erst, als Tom mich überholt und auf einem kleinen Trampelpfad zu einer Zwangspause verdonnert – sonst hätte man mich wohl wenig später herausgewunken. In der Hoffnung auf einen baldigen Feierabend der Beamten sitzen wir die drohende Strafe im Schatten einiger Obstbäume aus. Ein weiteres Fahrzeug gesellt sich zu uns. Ob die Insassen das gleiche Schicksal teilen? Hier verirrt sich sonst wohl eher selten ein Fahrzeug hin, wenn es nicht gerade zur Obsternte benötigt wird. Zwei Herren steigen aus, schnell kommen wir ins Gespräch. Über die Radarkontrolle sprechen wir nicht – aber sie geben uns wertvolle Tipps für die Weiterreise auf kleinen Straßen nach Istanbul.

Wie so oft, wenn wir kleine und kleinste Straßen genießen, ist nicht immer viel Zivilisation und Unterkunft in Sicht. Wir freuen uns auf eine erneute Nacht in freier Wildbahn und finden einen schönen Platz auf einer Lichtung mitten in einem Waldstück. Hier in der Türkei ist es nach unserem Empfinden sehr einfach, einen schönen Zeltplatz zu finden. Und zu stören scheint es niemanden. Am Abend und in der Nacht haben wir unsere Ruhe und falls am Morgen ein Besucher vorbei kommt, dann ist er interessiert aber zurückhaltend.

Die fehlende Dusche am Morgen wollen wir bald nachholen, denn auf der empfohlenen Strecke liegt der Kurort Oylat, der für sein (Heil-)Bad bekannt ist.

Mitten im Ort steht ein großes rotes Backsteingebäude mit sehr wenigen Fenstern. Auf den ersten Blick ist es kaum als Schwimmbad erkennbar, aber bei genaueren hinsehen wird die Preistafel neben dem Eingang sichtbar. Ein Herr und zwei Damen in weißen Kitteln begrüßen uns. Es könnte geradesogut die Szenerie eines Fleischers sein. Obwohl eine Verständigung nur bröckelig und mit Handzeichen möglich ist, gibt man uns zu verstehen, dass wir hier nur geschlechtergetrennt baden dürfen. Diese Regel müssen wir wohl akzeptieren. Etwas skeptisch verabschieden wir uns in zwei verschiedene Eingänge und verabreden uns für in spätestens einer Stunde wieder vor der Tür. Eine der Frauen im weißen Kittel begleitet mich eine Treppe hinauf, welche in den Umkleideraum mündet. Der Raum ist mit grauweißem Marmor ausgekleidet, an drei Wänden sind Hakenreihen angebracht, Bänke stehen darunter. Die Frau nimmt auf Bank mir schräg gegenüber platz und beobachtet mich lächelnd. Plötzlich schießt es mir durch den Kopf, ob ich überhaupt in meinem Bikini hier hinein darf – ich frage sie ob ich mich hier und jetzt umziehen soll. Sie nickt und schaut mich weiter an. Die Gedanken kreisen in meinem Kopf. „Soll ich mich jetzt vor ihren Augen ausziehen, soll ich mein T-Shirt über den Bikini wieder anziehen?“ Ich gehe etwas um die Ecke und ziehe mich vor ihren Blicken geschützt schnell um. Etwas verunsichert stehe ich fertig umgezogen im Bikini vor ihr. Sie scheint zu frieden und führt mich in den angeschlossenen Raum – das Bad. Pflichtbewusst kontrolliert sie, dass ich mich auch wirklich wie befohlen zuerst unter die Dusche stelle, dann verlässt sie mich zufrieden. Mein Blick wandert durch den Raum. Er ist ebenfalls aus Marmor. Ein 5 x 10 Meter großes Becken befindet sich in der Mitte, rechts in der Ecke, eine warme und eine eiskalte Dusche an der Wand. An den Längsseiten befinden sich kleine Nischen, die zu niedrig sind um gerade darin zu stehen, je ein Wasserbecken ist darin platziert, auf zwei gegenüberliegenden Marmorbänken kann man sich davor niederlassen. Am hinteren Ende des Schwimmbeckens ist ein flacheres Becken durch einen Steg abgegrenzt, aus zwei großen Löwenköpfen schießt das heilende Wasser.

Fünf Augenpaare beobachten mich, als ich das große Becken betrete und ich bin ziemlich überrascht, als ich feststelle, dass vier von den fünf Frauen nur eine Unterhose tragen. Soviel also zu meiner Sorge, im Bikini vielleicht zu viel Haut zu zeigen. Die jüngste von meinen Badegenossinnen kann ein bisschen Englisch und so können wir die gegenseitige Neugier etwas befriedigen. Ich erfahre, dass das Wasser viele Mineralien enthält und man das aus der kalten Dusche gut trinken kann (und sollte – wegen der gesunden Wirkung). In den Nischen mit den Wasserbecken reinigt man sich nach dem Bad mit Seife und dem kalten Wasser in den kleinen Becken. Was die junge Frau und ich uns aber verkneifen.

Nach einer Stunde verabschieden wir uns herzlich – auch die Dame im Kittel ist schon wieder da, sie gibt mir zu verstehen, dass Tom bereits draußen auf mich wartet. Er hat das ähnliche auf der Herrenseite erlebt – aber das oben-ohne der Männer war da weniger überraschend.

Entspannt und erfrischt kann es nun weiter gehen Richtung Istanbul.

Passend zu einem wunderbaren Sonnenuntergang vor der Kulisse Istanbuls besteigen wir die erste Fähre, die den Weg zur Stadt etwas abkürzt. Es ist bereits dunkel als wir die zweite Fähre erreichen – sie bringt uns entspannt und zügig über die Meeresenge, von Asien nach Europa!

Auch der berühmt berüchtigte Stadtverkehr hält sich in Grenzen, denn es ist gerade Essenszeit im Ramadan und da sind merklich weniger Fahrzeuge auf der Straße.

Für die erste Nacht haben wir im Hotel „Villa Zürich“ im Taksim Viertel vorgebucht. Die Motorräder sollen wir auf der gegenüberliegenden Straßenseite abstellen – so habe man von der Rezeption aus einen guten Blick und könnte auf sie aufpassen. Das klappt auch super, denn die Bikes samt Gepäck sind am nächsten Morgen noch unversehrt am selben Ort. Die Hotelbesatzung ist super freundlich, das Zimmer ist ausreichend groß und verfügt sogar über einen Whirlpool, vom Balkon aus haben wir einen guten Blick auf unser Bikes und vom Restaurant im oberen Stock einen super Blick über die Stadt. An dieser Stelle möchten wir Melissa ein wenig unterstützen: Sie ist im Hotel für das Marketing zuständig – sie würde sich freuen, wenn wir die Welt wissen lassen, dass sie gutaussehend, fröhlich und noch SINGLE sei ;-)

Für eine zweite Nacht im Hotel reicht unser Budget nicht. Nach ausführlichem Sightseeing zu Fuß rund um Taksim besuchen wir mit den Motorrädern noch ein paar andere bedeutende Plätze – wie die blaue Moschee. Auf der Suche nach „Kuzgun Bikers“ DER Motoradwerkstatt für alles mit zwei Rädern und Motor umkreisen wir die Stadt noch gefühlte 10 Mal. Kuzgun ist trotz GPS nur sehr schwer zu orten. Was aber daran liegen mag, dass wir nur nach basic Worldmap und Himmelsrichtungen navigieren.

Abdurraham der Eigentümer begrüßt uns freudestrahlend. Viel Englisch spricht er nicht aber für Toms defektes Licht findet sich schnell eine Lösung. Aus Zwei mach ein Neues – das Glas eines neuen Scheinwerfers wird an den Originalen angepasst. Nach einer Stunde sieht der Scheinwerfer fast aus wie neu ;-)

Übernachten dürfen wir hier auch gerne. Im Nebengebäude der Werkstatt gibt es Toilette und Dusche, ein Wohnzimmer, eine Küche, sogar einen großen Esstisch und zwei Zimmer mit je einem Bett. Ein wenig fühlt man sich wie in einer riesigen Frachtkiste aus Holz, denn die Wände sind aus diesem Kistenholz gefertigt. Es ist ziemlich heiß und stickig, aber die Mücken lassen uns in Ruhe und wir können gut schlafen, während es sich ein Töff nebenan im Wohnzimmer gemütlich macht und das andere in der Werkstatt ruht.

Zum Schlafen kommen wir allerdings erst recht spät – oder früh am Morgen – denn es übernachtet noch ein anderes Pärchen hier, welches auf einer BMW unterwegs ist. Da dies die ersten Motorradreisenden sind, die wir auf dieser Tour treffen und bei dieser Konstellation viele Erinnerungen wach werden, gibt es natürlich viel zu erzählen.

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Gast Montag, 21 Januar 2019
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