Three Pairs Of Underwear

Die Polizei, dein Freund und Helfer?

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Nach einer kurzen Tagesetappe verbringen wir eine Nacht in Yasuj „Der Hauptstadt der Natur“. Wie dieser Beiname entstanden ist, können wir uns nicht wirklich erklären. ;-) 

Der nächste Tag startet allerdings vielversprechend. An der Landschaft können wir uns kaum sattsehen. Die Straße windet sich durch die Berge einige Kurven hinauf und gleich wieder einige Kurven hinab. Dazwischen mal ein Tunnel – deren Anblick mich direkt an die künstliche Welt einer Miniatureisenbahn erinnert.

Auch Tom scheint die Fahrt sichtlich zu genießen und fährt voraus. Ich traue den gut abgenutzten Straßen nicht ganz und folge etwas langsamer.

Dann passiert es. Als ich um eine der vielen Kurven biege, stehen zwei Autos vor mir und Tom liegt samt dem Töff auf der Straße und rührt sich nur kaum merklich.

Mein Herz schlägt nach einem kurzen Aussetzer merklich schneller. Geht’s ihm gut? Ja, grad als ich meinen Töff am Straßenrand abstelle, steht Tom wieder. Die Fahrer der beiden Fahrzeuge hinter ihm sammeln die Scherben vom Scheinwerfer ein und helfen mir den Töff von der Straße zu schieben. Ein Fahrzeug hat auf dem Weg nach oben seine Spur geschnitten, er hat vermutlich zu stark gebremst und ist auf der rutschigen Fahrbahn vorne weggerutscht.

Tom trägt es mit Fassung. Er ist ziemlich auf die Schulter geknallt und kann den Arm nicht heben. Seine Scott Motorradkleidung hat ihren Dienst mit Bravour erfüllt. Abgesehen von ein bisschen schwarzem Abrieb von der Straße ist nicht die kleinste Beschädigung zu erkennen. Der Sturzbügel vorn hat wohl Toms Knie einiges an Leid erspart und selbst der Gepäckträger hinten ist noch ganz. Leider steht der Scheinwerfer ohne Glas nun etwas nackt und verbeult da.

Im Schatten eines Baumes erholen wir uns beide von dem Schreck. Die Große Frage, „Wie geht es weiter?“ steht im Raum. Kann Tom noch fahren?

Ein älterer Herr auf einem Moped kommt vorbei, dreht und steuert auf uns zu. Er versucht herauszufinden, ob es uns gut geht. Kurz machen wir mit Zeichen deutlich was passiert ist und sehen wohl recht niedergeschlagen aus. Mitfühlend setzt er sich schweigend ein paar Minuten dazu bevor er sich wieder verabschiedet.

Nach kurzem Testsitzen entscheidet Tom, dass wir weiter fahren können. Mit Hilfe der zweiten Hand kann er den Arm auf dem Lenker platzieren der Rest klappt fast automatisch. Nun hoffen wir einfach, dass die Schulter sich bald wieder erholt und die Schmerzen nicht schlimmer werden.

Am späten Nachmittag erreichen wir die kleine Stadt Borujen mit vielen kleinen aber ordentlich aussehenden Werkstätten, die auch Öl verkaufen. Da an beiden Töffs ein Ölwechsel fällig ist, halten wir vor einem sympathisch aussehenden Laden und fragen nach Öl. Die Arbeiten dürfen wir gleich vor Ort erledigen. Über die tatkräftige und wirklich nützliche Unterstützung des Werkstattmenschen ist Tom aufgrund der Schulterblessur recht dankbar.

Wir sind schon fast fertig, als ein Herr auftaucht, der Englisch spricht und uns einen anderen Herrn als Chef vom Passbüro vorstellt. Wir haben eine Frage zum Visum und ich zeige dem Passmenschen unsere Pässe. Der notiert sich gleich eifrig etwas und mir wird mulmig zu Mute. Mit seinem Namen will er auch nicht so richtig rausrücken. Als ich ihm die Pässe aus den Fingern nehme sagt er kein Problem er ruft seinen Chef an – von der Polizei – das sei nur für unsere Sicherheit. 

Während Tom im Geschäft das Öl bezahlt redet ein anderer Herr flüsternd und eindringlich auf ihn ein, wir sollen möglichst schnell verschwinden – das sei Geheimpolizei.

Ein Mann mit einem weißen recht neuen Auto fährt vor – stellt sich auch nicht namentlich vor – zeigt aber seinen nicht sehr vertrauen erweckenden Dienstausweis. Er will unsere Pässe sehen – für unsere Sicherheit. Wir fragen ihn, ob es denn hier nicht sicher sei. Er antwortet: “Doch, aber es ist meine Pflicht, für eure Sicherheit zu sorgen.“

Wir weigern uns, erneut den Pass zu zeigen und verabschieden uns.

Keine zwei Kilometer kommen wir, da taucht ein kleines Motorrad mit zwei Mann Besatzung auf, beide bewaffnet. Der Hintere macht energische Handzeichen, dass wir anhalten sollen. Ein Straßenpolizist mit einem etwas größeren Motorrad kommt zur Unterstützung hinzu. Alle scheinen ziemlich nervös, zittern mit den Händen, als sie versuchen ihren Fang mit dem Handy kundzutun. Der Fahrer von dem kleinen Motorrad telefoniert mit aufgeregter Stimme. Mein Herz schlägt bis zu Hals. Was soll das?

Da taucht ein uns bekanntes weißes Auto auf und ein uns bekannter Herr steigt sichtlich zufrieden aus dem Auto. „Die Pässe bitte!“

„Ok, wir zeigen die Pässe, aber nur auf der nächsten Polizeistation.“ Die aufgeregten Polizisten mit dem kleinen Töff fahren voraus, der Verkehrspolizist verschwindet zu einem anderen Verkehrssünder und unser „Freund“ im weißen Auto folgt uns aufmerksam.

Drei Minuten später stehen wir vor dem eisernen, weißen Tor der Wache. Ein Uniformierter mit Schnellfeuerwaffe öffnet uns skeptisch. Der Chef des Stützpunktes begrüßt uns verwundert. Niemand spricht wirklich Englisch uns so muss der Herr von vorhin beim Ölwechsel per Telefon übersetzen.

Tom beschwert sich theatralisch und ausdauernd. Inzwischen ist es dunkel und er macht ihnen klar, dass sie nicht gerade zu unserer Sicherheit beitragen, wenn sie uns zwingen im Dunkeln fahren zu müssen. Die ganze Aktion macht in unseren Augen absolut keinen Sinn. Immerhin bringen wir die Polizei aber so weit, dass sie uns ein Zimmer in einem bezahlbaren Hotel organisieren.

Erklärt dies das komische Verhalten der Polizei?

- Im Namen Gottes

So lange sich ein Tourist in einem islamischen Land aufhält, hat die Regierung für seine Sicherheit und sein Wohlbefinden zu sorgen. Falls ein Tourist in einem islamischen Land seinen Besitz verliert, sollte die Regierung ihn unterstützen und ihm den verlorenen Besitz zur Verfügung stellen.

Imam Ali (Friede sei mit ihm) - 

Mit dem Hotelier verhandeln wir zäh um einen Stellplatz für die Bikes hinter verschlossenen Türen. Dem Herr im weißen Auto trauen wir noch immer nicht ganz über den Weg.

Zähneknirschend lässt man uns die Töffs im Speisesaal unterstellen – wir sind jedenfalls zufrieden :-).

Sicher ist sicher

Nach diesem Erlebnis möchten wir möglichst schnell, möglichst weit weg von diesem komischen Ort.

Erschöpft nach einem langen Tag auf dem Sattel erreichen wir Arak. Der Verkehr hier ist verrückter als in allen anderen Orten im Iran vorher. Die Menschen sind hektisch und kommen uns aufdringlich vor – oder liegt es an uns? Sind wir nun besonders misstrauisch?

Etwas hilflos kurven wir umher, auf der Suche nach einer Unterkunft. Schließlich fährt ein hilfsbereiter Mensch mit seinem Auto voraus.

Nach einigem hin und her beim Einchecken fallen wir ausgepowert ins Bett. Ich bin gerade eingeschlafen – es ist 23:10 Uhr – da klingelt das Zimmertelefon.

„Polizei! Kommt runter.“ Peng, Hörer aufgelegt.

Tom geht hinunter um zu sehen, was man von uns will. Er ist keine 5 Minuten weg und ich bin hellwach, male mir die wildesten Geschichten aus.

Zwanzig Minuten später ist er zurück und wedelt mit der Karte. „Hier schau mal!“

Ich falte die Landkarte auseinander. Unweit von unserem Standort sind zwei große Quadrate eingezeichnet. „Da dürfen wir nicht hin, sonst werden wir festgenommen.“ Erklärt Tom. „Warum?“ frage ich. „Keine Ahnung, wahrscheinlich bauen die dort ihre <Atomwaffen>“, witzelt er... 

Am Morgen um halb Acht klingelt erneut unser Zimmertelefon:“You come, one minute!“ Peng, aufgelegt. 

Tom macht sich auf den Weg zur Rezeption. Ein Mann in zivil begrüßt ihn: „Können wir ein paar Meter spazieren gehen?“ Er sei von einer „Behörde für ausländische Angelegenheiten“. Es gäbe ein paar Ecken, wo wir nicht hin dürfen, aber er dürfe uns nicht sagen wo die sind, wo wir denn hin wollen. Tom zeigt ihm die Karte mit den Markierungen von der Polizei und fragt: „Sind das diese Ecken?“ Der Mann ist ganz irritiert, denn so genau dürfen wir dies ja gar nicht wissen. Tom fragt ihn nach verschiedenen Routenmöglichkeiten. Der Mann nickt hin und wieder verhalten oder verneint. Nach wiederum 20 Minuten ist der Spuk vorbei und der Mann verabschiedet sich.

Später fahren wir genau zwischen den beiden markierten Quadraten hindurch. Erst passieren wir rechts ein Atomkraftwerk, später noch mal auf der linken Straßenseite.

Ob wir nach all diesem Wissen und Aussagen jemals wieder in den Iran reisen dürfen? Wir wissen es nicht.

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Comments

  • Guest
    Susanne Wednesday, 24 July 2013

    Mystery

    Hallo Ihr zwei, das ist alles sehr spannend und doch etwas beunruhigend. Ich denke eine nochmalige Einreise wird "schwierig" ;) Wir drücken weiterhin die Daumen und hoffen, dass euer Bauchgefühl noch laaaange so gut funktioniert ;) LG aus Hamburg

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Guest Wednesday, 27 May 2020
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