Three Pairs Of Underwear

Persische Gastfreundschaft - Bauchentscheidungen

Veröffentlicht von am in Blog_TPOU-BackFromRoots
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Wir sind einfach keine Stadtmenschen – Shiraz hat uns nicht überzeugen können, länger zu bleiben. Dafür gibt’s schon bald etwas Kultur - Persepolis ist das nächste Ziel.

Doch vorher noch schnell Kette schmieren und Öl kontrollieren.

Warten ist besser als reparieren – gleich vor Ort 

Ein imposantes Fleckchen Geschichte erkunden wir bei heißen Temperaturen und strahlendem Sonnenschein zu Fuß. Scheinbar bin ich aber auch eine kleine Attraktion, denn immer wieder sprechen mich Frauen an, die ein Foto mit mir zusammen möchten. Ich fühle mich geschmeichelt und bin dennoch leicht irritiert ;-).

Zurück an den Töff’s bekommen wir von einem englischsprachigen Herrn ein paar Tipps für die Weiterreise und eine Karte der Region gleich dazu. Er hat nicht zu viel versprochen, schon die Strecken sind wunderschön. Es ist zwar immer noch heiß aber die Landschaft wird merklich grüner. Reis-Terrassen und andere bewirtschaftete Felder säumen unseren Weg. Die Straßen sind schmal, kurvig, und relativ gut. 

Das „Lost Paradise“ hat uns der Herr am Parkplatz schwärmend empfohlen. Nach einigen Stunden genüsslicher Fahrt biegen wir auf eine unbefestigte Straße ab. Sogleich weicht uns ein Honda Töffli mit zwei Herren Besatzung nicht mehr von der Seite. An einer kleinen Blechhütte werden wir zur Kasse gebeten – Eintritt ins verlorene Paradies.
Zusammen mit dem Töffli erreichen wir einen Platz umrahmt von kleinen Verkaufsständen, die Essen, Getränke und viel Kitsch anbieten - es ist wirklich ein verlorenes Paradies, vor dem Kommerz war es bestimmt wunderschön und einsam hier.
Eine Minihüpfburg mit Rutsche wird von zwei Jungs in Unterhose malträtiert. Daneben sitze ein Mann mit einer Shisha – Toms Augen leuchten kurz auf.

Doch unsere Ankunft ist natürlich nicht unbemerkt geblieben. Der Seitenständer ist kaum ausgeklappt, da sind wir auch schon von gefühlt allen Besuchern umringt. Jeder fragt etwas auf Farsi - ein paar Brocken Englisch sind das höchste der Gefühle. Ich bin noch nicht ganz schlüssig, ob es sich lohnt den Helm abzunehmen, denn das zieht nach sich, dass ich das Kopftuch hervorklauben muss um mich gebührend zu verschleiern. Wir fühlen uns beide nicht ganz wohl hier – trotz Shisha-Anwesenheit ;-). Tom organisiert an einem Stand Getränke und ich nehme den Helm in Aussicht auf etwas kühles zum Trinken ab. Die kurze Sicht auf freies Haar zieht alle Blicke an. 

Wenig überzeugt fragen wir ob man hier campen kann. „Bale!“ kommt es aus aller-Herren-Munde. Eine Frau gesellt sich zu uns und übersetzt. Ja, campen ist kein Problem – ihr Blick spricht eine andere Sprache.

Und wirklich, kaum sind die Herren anderweitig beschäftigt, kommt die Frau nochmals zurück. Also sie würde hier nicht campen, schon gar nicht als Frau – zu viele Männer.
Die Entscheidung war schon vorher gefallen, hier bleiben wir nicht, Paradies hin oder her. Bauchentscheidung die Erste.

Nun haben wir allerding ein kleines Problem. Wir sind ziemlich „im nüt usse“. An einer Tankstelle fragen wir nach einem Hotel oder anderweitiger Unterkunft. Etwas schwierig, denn auch hier sind Englischkenntnisse nur begrenzt vorhanden. Während Tom und ich versuchen an Informationen zu gelangen, wird ein paar Meter neben uns schon wieder an den Töffs rumgefummelt.

Dann bietet uns der Tankwart einen Raum, vermutlich den Gebetsraum zum Schlafen an. Kurz überlegen wir, doch dann lehnen wir dankend ab. Bauchentscheidung die Zweite. Richtig? 

Es wird nicht zivilisierter. Die Straße führt uns durch kleine Dörfer mit Häusern gebaut aus Natursteinen und Lehm. Junge Männer treiben ihr Vieh nach Hause. Immer wieder um zirkeln wir Schaf-, Ziegen- oder Kuhherden. Langsam dunkelt es ein. Die Gegend scheint wunderschön und es reut uns, einfach kopflos bis in die nächste Stadt zu rauschen – und in einem vielleicht schäbigen, überteuerten Hotel abzusteigen.

Gerade erreichen wir das Ende eines dieser kleinen Dörfer, da stoppen wir. Tom sagt: “Komm ich frag jetzt bei dem letzten Haus dort drüben die Frau, die uns zu gewunken hat, ob wir ihn ihrem Garten campen können.“ Ich bin unschlüssig. Doch Tom ist schon am gestikulieren. Also nähere auch ich mich. Zwei Jungs, der Eine vielleicht 17 der Andere 20, auf einem kleinen Motorrad stoßen dazu. Sie nicken eifrig und deuten uns ihnen zu folgen. Bauchentscheidung die Dritte. 

Wir folgen den Beiden. Ein Trampelpfad führt zwischen baufälligen Lehmhäusern einen Hang hinauf. Ablaufendes Wasser hat tiefe Furchen im ausgetrockneten Boden hinterlassen. Der Pfad wird schmaler und das Tageslicht schwindet. Wir biegen um eine Hausecke und befinden uns in einer Sackgasse. Der Innenhof ihres Hauses. Wir überlegen noch, ob wir uns wohl fühlen und wo wir das Zelt aufschlagen könnten. Alles ist uneben, abschüssig und überall liegen Steine.

Sie geben uns zu verstehen, dass wir ein Zimmer in ihrem Haus beziehen dürfen. Tom folgt ihnen ins Haus. Ich verschleiere mich und warte etwas unsicher neben unseren Motorrädern. Tom ruft von innen: “Es sieht gut aus, hier steht ein Gewehr im Zimmer... aber ich glaub es ist gut!“

Ein Gewehr? Ich zucke kurz und bin noch immer unschlüssig. Doch dann gehe auch ich hinein. Eine Frau kommt hinzu, vermutlich die Schwester. Sie fragt mich etwas, was ich zunächst nicht verstehe. Alle drei sprechen nur Farsi. Dann höre ich das Wort „Hamam“ (Arabisch für Bad) heraus. Etwas hilflos lächelnd sagt sie „Dusch“. Ah, ob wir duschen möchten. 

Wir können das Zimmer mit dem Gewehr beziehen. – Wie beruhigend. :-) Die Jungs helfen uns, das Gepäck hinein zu bringen, während die Schwester Tee kocht. Es ist nicht ganz klar, ob wir nun alle schlafen gehen oder ob wir gegenseitig etwas von uns erwarten. Also richten wir in unserem Zimmer erst mal unsere Schlafmatten her.

Der jüngere der beiden Jungs kommt zu uns und winkt uns ins andere Zimmer herüber. Im kleinen Röhrenfernseher läuft etwas über den Iran, es werden Trachten gezeigt, die Zubereitung verschiedener Gerichte und immer wieder Landschaftsaufnahmen. Wir verstehen zwar nichts schauen aber interessiert in den kleinen Kasten. Die Jungs nennen uns jeweils die Regionen über die grad berichtet wird. Plötzlich kommt die Schwester herein und bringt etwas zum Essen. Es gibt Fladenbrot, etwas ähnliches wie Rucola Salat, frische Minze, saure Gurken, Hackfleischfladen und Gemüse in einer leckeren Sauce. Auf dem Boden ist eine Wachsdecke ausgebreitet. Die beiden Jungs, Tom und ich sitzen drum herum und schlemmen.
Zum Trinken gibt es Buttermilch mit Minze – erfrischend und lecker.

Satt und glücklich lehnen wir uns in die weichen Kissenrollen an der Wand zurück. Einer der Jungs steht auf und kommt mit einem Stoffbeutel zurück. Fragend hält er den Inhalt hoch. Eine Shisha! Tom strahlt. 

Die beste Shisha seit langem

Wenig später genießen wir schweigend das Blubbern und ein köstliches Aroma. Auch die Schwester und zwei Kinder gesellen sich dazu. Alle beteiligten versuchen eine gebrochene Unterhaltung mit Händen und Füßen – immer wieder schauen wir in leuchtende Augen und sehen herzliches Lächeln. Am Morgen dürfen wir erst nach einem köstlichen Spiegeleifrühstück mit frischem Fladenbrot und Tee aufbrechen. 

Am Tag noch richtig romantisch, oder?

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Kommentare

  • Gast
    Mum Freitag, 19 Juli 2013

    Immer wieder toll

    Es ist einfach wieder toll zu lesen.......auch so spannend, dass ich fast vergessen habe zu atmen!
    Mein Mund ist auch ganz trocken geworden. Ja man wird gefesselt von Euren Reiseberichten und ist ganz traurig wenn es mit dem Lesen schon wieder vorbei ist...... Vielen Dank dafür und weiter so. Weiterhin gute Fahrt.......wünscht Euch Mum

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Gast Sonntag, 20 Oktober 2019
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