Three Pairs Of Underwear

Aus Saudi nichts Neues... Oder?

Veröffentlicht von am in Blog_Tomsride
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Voller Hoffnung auf eine Antwort machte ich mich am Montagmorgen auf den Weg zur Botschaft von Saudi Arabien. Wie könnte es anders sein – werde wieder um zwei Wochen vertröstet. Ich solle mich doch bitte dann nochmals bei Ihnen melden. Man – allein der Gedanke an weitere zwei Wochen in dieser Stadt und dem Land machen mich irgendwie krank. Nun ja, werde meine dritte Rundreise wohl ein wenig ausgeprägter gestallten – geht mir durch den Kopf. Dennoch war dies bisher der grösste emotionale Tiefpunkt auf dieser Reise. Wenn es so weitergeht, wird es allmählich eng mit dem Erreichen von Sibirien vor dem Wintereinbruch.

Als ich am Nachmittag in der Stadt einen kurzen Halt einlegte, klingelte komplett unerwartet mein Handy – es war die Nummer der Saudi Arabischen Botschaft. Am anderen Ende meldete sich Essam – mein Kontakt da – und teilt mir mit ich solle am nächsten Tag um 10:00 morgens bei Ihnen auf der Botschaft sein. Sie hätten Bescheid aus Riath. Mehr erfuhr ich trotz fragen nicht in diesem Telefonat. Guten Mutes machte ich mich also am nächsten Morgen auf zur Botschaft. Man mag es kaum glauben, aber ich war einmal pünktlich – nur diesmal Essam nicht, er traf mit einer halben Stunde Verspätung ein. Doch das Warten hat sich gelohnt! „Good News from Saudi!“ –  das Amt für auswärtige Angelegenheiten bewilligte meinen Antrag. Also nichts wie los mit dem Pass und Passfots auf das auf der anderen Nilseite liegenden Konsulat. Dort angekommen, werde ich von allen freundlich begrüsst. Irgendwie scheinen die bereits über den verrückten Motorradfahrer gehört zu haben, der eines der sehr seltenen Visas für Saudi gekriegt hat. Also nochmals ein neues Formular ausfüllen und zusammen mit dem Pass und den Fotos einreichen. Ich kriegte die Anweisung zwei Tage zu warten, am Mittwoch sei dann alles bereit. En shalla… Nun kann ja nicht mehr viel schief gehen rede ich mir ein…
Am Abend feiern Malek und ich mit einem alkoholfreien Freez (Partygetränk mit 0,00002% Fruchtanteil und ca. 110% Zucker) auf den Zwischenerfolg für mein Saudi Visa und philosophieren einmal mehr über Gott und die Welt. Das mit der geplanten Rundreise in den Norden lasse ich fallen - das echte Reisen geht  nun weiter!

Am späteren Nachmittag des folgenden Tages war ich bei Steve und seinen Kumpels in der Werkstatt eingeladen. 4 „Jungs“ mit demselben Hobby: OffRoaden in der Wüste von Ägypten. Enthusiastisch erzählen sie von Ihren erlebten Abenteuern auf den LC-4 von KTM; vom Ralley durch die Oasen von upper Egypt, dass sie in den letzten Tagen erfolgreich bestritten haben. Muss gestehen, dass was sie da erzählten möchte ich manchmal auch mal erleben… Einfach durch die Weiten der Wüste zu fahren, ohne auf Strassen und Asphalt angewiesen zu sein. Doch solche Abenteuer kann man nur in einer organisierten Gruppe unternehmen. Irgendwie bin ich jedoch auch heute noch froh in meiner Situation alleine unterwegs zu sein. Nur meine GS und ich, alleine durch die weite Welt – ist doch auch was… Obwohl wir hier alle fanatische Biker sind, wird mir plötzlich klar wie verschieden unsere Welten doch sind… Es liegt nicht an ihren knall-orangen KTM Shirts (oder meinem BMW Shirt) – es ist einfach eine andere Art des Motorraderlebens. Es geht bei meiner Reise nicht darum möglichst die geilsten Dünen auf dem schnellsten Weg zu erklingen oder mit 160 Sachen über die weite Ebene zu donnern – nein, es geht um leben und erleben. Da bin ich doch froh meine schwere, dafür aber äusserst komfortable BMW mit den langlaufenden halbenduro Reifen mit mir zu haben – statt die sportliche LC-4 mit Stollenrädern für den Wüstensand… Somit wird es wohl hier nichts in den nächsten Tagen mit OffRoaden – der Osten ruft, die Reise geht weiter  durch die Wüsten von Saudi Arabien – wenn auch meist auf dem harten Asphalt.
Dank den Jungs da können wir prompt passendes Vollsyntetisches Getriebeöl für meine GS organisieren. Einen Liter spezial Öl von Shell mit genau den richtigen Spezifikationen kriege ich hier für knapp CHF 1.90. Geschätzte zehn mal billiger als bei uns… Cool. Also nichts wie los und das alte Öl raus aus dem Getriebe und das neue hinein. Das muss die GS zu schätzen wissen, denn nach nun über 41’000km ist dies der erste Wechsel des Getriebeöls. Bei dieser Gelegenheit werden noch kurz alle Schrauben nachgezogen, diesmal aber mit einem echten Drehmoment Schlüssel – fast wie echt.
Den Abend verbringen wir bei Steve und seiner Frau, sowie zwei seiner Kumpels mit ihren Frauen. Ausgezeichnetes Essen; echter englischer Schinken, sowie diverse selbst gemachte Salate, und natürlich kühles Bier draussen auf der Terrasse – was will man da noch mehr. Mehr und mehr Alkohol wird im Laufe des Abends vernichtet, die Gesprächsthemen immer offener. Für mich irgendwie amüsant dem Ganzen zuzuhören – doch bin ich hier in der Runde der Einzige ohne Partner, was mich wieder sentimentaler stimmt. Wie wäre es wohl, wenn Babs (meine verstorbene Freundin) mit von der Partie sein könnte? Wie würde unser Leben heute wohl aussehen? Fragen ohne Antworten. Mein Leben hat sich seit dem Verlust von Babs stark geändert – sehe vieles mit andern Augen. Doch sind es Momente wie diese, die mich verunsichern. Was mach ich hier – wieso tue ich das alles? Wieso lebe ich nicht einfach ein „normales Leben“, gehe meiner Arbeit nach und lebe in glücklicher Zweisamkeit? Vermutlich weil ich dies im Moment kaum könnte. Ich strebe heute danach, neue Lebenserfahrungen zu sammeln, fremde Kulturen zu fühlen um mich selbst wieder zu finden – irgendwann, irgendwo…

Übernachten kann ich nach diesem Abend im Gästezimmer – denn zum Zurückfahren fühle ich mich nicht mehr in der Lage – fahre sowieso nur bei 0,0 Promille mit dem Motorrad – gerade in einer Stadt wie Kairo.

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Gast Sonntag, 20 Oktober 2019
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